Ältere Frau und älterer Mann sitzen an einem Tisch mit Kartenspiel und Notizblock

Gedächtnis trainieren: Was im Alltag wirklich hilft

Gedächtnistraining wirkt, aber anders, als viele erwarten: Verbessert wird zuverlässig das, was tatsächlich geübt wird, und nur eingeschränkt das, was man sich davon erhofft. Den größten belegten Beitrag zur geistigen Leistungsfähigkeit im Alter leisten deshalb nicht die Denksportaufgaben allein, sondern die Kombination aus körperlicher Bewegung, anspruchsvoller geistiger Beschäftigung, sozialen Kontakten und ausreichendem Schlaf.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Gehirn bleibt lernfähig: Anpassungsfähigkeit besteht bis ins hohe Alter — trainierte Fähigkeiten verbessern sich messbar und bleiben über Jahre stabil [3].
  • Langfristiger Nutzen: Nach zehn Jahren berichteten Trainingsgruppen weniger Schwierigkeiten bei Alltagstätigkeiten als Vergleichsgruppen ohne Training [4].
  • Bewegung trägt am meisten: Als günstige Trainingszeit gelten 75 bis 150 Minuten pro Woche, Ausdauer- und Krafttraining sind förderlich [2].
  • Anleitung schlägt Alleingang: Angeleitetes kognitives Training und kognitive Stimulation tragen in der Leitlinie eine Empfehlung [1].
  • Die Kombination wirkt: Bewegung, geistige Anregung, soziale Kontakte und Schlaf zusammen bringen mehr als ein einzelner Baustein [6].

Warum Training überhaupt etwas bewirkt

Das Gehirn bleibt bis ins hohe Alter anpassungsfähig. Verbindungen zwischen Nervenzellen verändern sich mit dem, was regelmäßig genutzt wird — das ist der Grund, warum sich Fähigkeiten auch mit 70 oder 80 noch verbessern lassen. Welche Veränderungen zum normalen Älterwerden gehören, lesen Sie unter Gedächtnis im Alter.


Ein Prinzip lohnt sich dabei zu kennen: Am zuverlässigsten verbessert sich das, was tatsächlich geübt wird. Wer Namen behalten möchte, übt am besten mit Namen; wer schneller im Kopfrechnen werden will, mit Zahlen. Das ist keine Einschränkung, sondern eine praktische Hilfe — es macht Training gezielt statt beliebig.


Und es erklärt, warum die Kombination mehr trägt als eine einzelne Übungsform: Bewegung, neue Inhalte, Gespräche und guter Schlaf sprechen jeweils andere Anteile an.

Was die Langzeitdaten zeigen

Ermutigend ist der Blick über längere Zeiträume. Die ACTIVE-Kohorte wurde zehn Jahre lang nachbeobachtet, bis zu einem mittleren Alter von 82 Jahren. Nach zehn Jahren berichteten alle drei Trainingsgruppen weniger Schwierigkeiten bei Alltagstätigkeiten als die Kontrollgruppe [4]. Etwa 60 Prozent der Trainierten hielten ihr Ausgangsniveau bei Alltagstätigkeiten oder lagen darüber, gegenüber rund 50 Prozent in der Kontrollgruppe [4].


Das ist der eigentlich interessante Befund: Es geht weniger um Punktwerte in Tests als darum, wie lange jemand seinen Alltag selbstständig führt.

Was von Gehirnjogging-Programmen zu erwarten ist

Bei computerbasierten Trainingsprogrammen lohnt sich eine realistische Erwartung. Die Studienlage dazu ist noch dünn, und ein dauerhafter Übertrag auf den Alltag ließ sich bislang nicht klar zeigen [5].


Deutlich besser belegt ist die angeleitete Variante: Angeleitetes kognitives Training und kognitive Stimulation tragen in der Leitlinie eine Empfehlung, selbstdurchgeführtes computerbasiertes Training dagegen nicht [1]. Der Unterschied liegt weniger im Medium als in der Anleitung und der sozialen Einbettung — gemeinsam üben wirkt anders als allein vor dem Bildschirm.


Für die Praxis heißt das nicht, Programme zu meiden. Es heißt, sie als einen Baustein neben anderen zu sehen statt als Hauptmaßnahme.

Die vier Bausteine, die im Alltag am meisten tragen

  • Bewegung. Als günstige Trainingszeit gelten 75 bis 150 Minuten pro Woche, wobei Ausdauer- und Krafttraining als förderlich gelten [2]. Körperliche Aktivierung trägt in der Leitlinie eine Empfehlung [1] — es ist der Baustein mit der breitesten Grundlage.
  • Neues lernen statt Bekanntes wiederholen. Eine neue Sprache, ein Instrument, ein unbekanntes Kartenspiel, eine ungewohnte Route. Anspruchsvoll ist, was am Anfang schwerfällt — genau darin liegt der Trainingsanteil.
  • Soziale Kontakte. Gespräche fordern Sprache, Aufmerksamkeit und Gedächtnis gleichzeitig — das leistet kein Übungsheft. Wie wichtig dieser Baustein ist, zeigt sich daran, dass Einsamkeit in Auswertungen großer Datensätze mit einem erhöhten Demenzrisiko einhergeht [7].
  • Schlaf. Der Schlaf hat eine aktive Rolle bei der Gedächtnisbildung: Inhalte werden im Tiefschlaf gefestigt und im nachfolgenden REM-Schlaf stabilisiert [8]. Wer gut schläft, übt gewissermaßen mit Rückenwind.

Dass die Kombination mehr trägt als der Einzelbaustein, hat die finnische FINGER-Studie geprüft: ein Programm aus Ernährung, Bewegung, kognitivem Training und Kontrolle der Gefäßrisikofaktoren, untersucht an 1.260 Menschen zwischen 60 und 77 Jahren über zwei Jahre, mit einem nachweisbaren Vorteil für die Interventionsgruppe [6].

Fünf Übungen, die sich in den Alltag einbauen lassen

1. Der Einkauf ohne Zettel. Schreiben Sie die Liste, lassen Sie sie zu Hause, kaufen Sie ein, prüfen Sie danach gegen die Liste. Der Abgleich am Ende ist der eigentliche Trainingsanteil.


2. Namen mit Bild verknüpfen. Verbinden Sie einen neuen Namen bewusst mit einem Detail: Beruf, Ort des Kennenlernens, ein auffälliges Merkmal. Wiederholen Sie den Namen im Gespräch einmal laut.


3. Der Tagesrückblick. Gehen Sie abends fünf Minuten den Tag rückwärts durch, vom Abendessen bis zum Aufstehen. Das trainiert das Abrufen von Episoden, also genau die Funktion, die im Alltag als Erstes auffällt.


4. Zahlen im Kopf behalten. Merken Sie sich eine Telefonnummer oder einen Betrag für die Dauer eines Weges, statt sie sofort zu notieren.


5. Etwas Neues über Wochen. Ein Instrument, eine Sprache, eine Software. Der Effekt entsteht nicht an einem Nachmittag, sondern über Monate.


Ein Hinweis bleibt wichtig: Wenn die Konzentration nachlässt, weil der Schlaf gestört ist, greift Training allein zu kurz. Diese Faktoren finden Sie unter Konzentrationsprobleme.

Wann Sie ärztlichen Rat einholen sollten

  • Wenn die Veränderung über Wochen bis Monate zunimmt statt stabil zu bleiben
  • Wenn Angehörige sie deutlicher wahrnehmen als Sie selbst
  • Wenn vertraute Alltagshandlungen misslingen — Kochen, Bankgeschäfte, der Weg nach Hause
  • Wenn gleichzeitig Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit oder Schlafstörungen bestehen

Wie sich normale Veränderung und Erkrankung im Alltag unterscheiden lassen, lesen Sie unter Vergesslichkeit oder Demenz.

Häufige Fragen

Bringt Gehirnjogging wirklich etwas?

Es verbessert vor allem die geübte Fähigkeit. Angeleitetes Training und kognitive Stimulation sind dabei besser belegt als selbstdurchgeführtes computerbasiertes Training [1]. Als Baustein neben Bewegung, Gesprächen und Schlaf ist es sinnvoll — als alleinige Maßnahme zu schmal.

Wie oft sollte ich trainieren?

Regelmäßigkeit schlägt Dauer. Zehn bis fünfzehn Minuten täglich sind besser als zwei Stunden am Wochenende. Für den Bewegungsanteil gelten 75 bis 150 Minuten pro Woche als günstige Trainingszeit [2].

Ist Kreuzworträtseln sinnvoll?

Es hält Wortschatz und Routine wach, fordert aber vor allem vorhandenes Wissen. Für einen Trainingseffekt ist entscheidend, dass eine Aufgabe anfangs schwerfällt. Wechseln Sie deshalb regelmäßig die Art der Aufgabe, statt jahrelang dasselbe Rätselheft zu füllen.

Hilft Bewegung dem Gedächtnis mehr als Denksport?

Bewegung ist der Baustein mit der breitesten Empfehlungsbasis [1]. Am tragfähigsten ist aber die Kombination: Die FINGER-Studie prüfte Ernährung, Bewegung, kognitives Training und Gefäßrisikokontrolle gemeinsam und fand einen Vorteil gegenüber der Kontrollgruppe [6].

Kann ich mit 80 noch etwas verbessern?

Ja. Die ACTIVE-Kohorte wurde bis zu einem mittleren Alter von 82 Jahren nachbeobachtet, und alle drei Trainingsgruppen berichteten nach zehn Jahren weniger Schwierigkeiten bei Alltagstätigkeiten als die Kontrollgruppe [4]. Ein sinnvolles Mindest- oder Höchstalter für den Beginn gibt es nicht.

 
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Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise. Die angegebene empfohlene tägliche Verzehrmenge darf nicht überschritten werden.

 

Quellen

[1] Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): S3-Leitlinie Demenzen. AWMF-Register-Nr. 038-013, Version 6.1, Stand 27.04.2026. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013


[2] DGPPN, DGN: Patientenleitlinie Demenzen. AWMF-Register-Nr. 038-013, 1. Auflage, April 2026. https://register.awmf.org/assets/guidelines/038-013p1_S3_Demenzen_2026-04.pdf


[3] Ball K, Berch DB, Helmers KF, et al. Effects of cognitive training interventions with older adults: a randomized controlled trial. JAMA. 2002;288(18):2271–2281. PMID: 12425704. DOI: 10.1001/jama.288.18.2271


[4] Rebok GW, Ball K, Guey LT, et al. Ten-year effects of the Advanced Cognitive Training for Independent and Vital Elderly cognitive training trial on cognition and everyday functioning in older adults. Journal of the American Geriatrics Society. 2014;62(1):16–24. PMID: 24417410. DOI: 10.1111/jgs.12607


[5] Gates NJ, Rutjes AW, Di Nisio M, et al. Computerised cognitive training for 12 or more weeks for maintaining cognitive function in cognitively healthy people in late life. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2020;(2):CD012277. PMID: 32104914. DOI: 10.1002/14651858.CD012277.pub3


[6] Ngandu T, Lehtisalo J, Solomon A, et al. A 2 year multidomain intervention of diet, exercise, cognitive training, and vascular risk monitoring versus control to prevent cognitive decline in at-risk elderly people (FINGER): a randomised controlled trial. Lancet. 2015;385(9984):2255–2263. PMID: 25771249. DOI: 10.1016/S0140-6736(15)60461-5


[7] Luchetti M, Aschwanden D, Sesker AA, et al. A meta-analysis of loneliness and risk of dementia using longitudinal data from >600,000 individuals. Nature Mental Health. 2024;2(11):1350–1361. PMID: 39802418. DOI: 10.1038/s44220-024-00328-9


[8] Rasch B, Born J. About sleep's role in memory. Physiological Reviews. 2013;93(2):681–766. PMID: 23589831. DOI: 10.1152/physrev.00032.2012

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt weder eine ärztliche Diagnose noch eine Behandlung. Wenden Sie sich bei Beschwerden an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.

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