Ältere Frau legt eine Hand an die Ferse im Sitzen

Tendinopathie: Wie Sehnenbeschwerden entstehen

Tendinopathie ist der Fachbegriff für anhaltenden Sehnenschmerz mit Funktionsverlust, der in Bezug zur mechanischen Belastung steht [1]. Der Belastungsbezug gehört zur Definition: Die Beschwerden treten auf, wenn die Sehne arbeitet, und lassen in Ruhe nach. Anders als der ältere Begriff Sehnenentzündung nahelegt, stehen dabei meist Umbauvorgänge im Vordergrund, nicht eine klassische Entzündung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Was der Begriff bedeutet: Anhaltender Sehnenschmerz mit Funktionsverlust in Bezug auf mechanische Belastung [1].
  • Häufigkeit: Tendinopathien betreffen etwa ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung [2].
  • Typische Orte: Am häufigsten betroffen sind Achillessehne, die Sehnenansätze am Ellenbogen, die Schulter und die Patellarsehne am Knie.
  • Was hilft: Jede aktive Behandlung war dem bloßen Abwarten überlegen; Trainingstherapie gilt als sinnvoller Einstieg [3].
  • Wann zum Arzt: Ein plötzlicher, oft hörbarer Riss mit Kraftverlust gehört umgehend abgeklärt.

Warum nicht mehr von Sehnenentzündung gesprochen wird

Die Endung „-itis" steht in der Medizin für eine Entzündung. Bei anhaltenden Sehnenbeschwerden findet sich im Gewebe aber typischerweise etwas anderes: ungeordnete Kollagenbündel und eine veränderte Zellzusammensetzung [2]. Das ist ein Umbauprozess, keine klassische Entzündungsreaktion.


Deshalb hat sich international der Oberbegriff Tendinopathie durchgesetzt [1]. Auch für einzelne Regionen gilt das: Beschwerden an den Sehnen der Ellenbogenaußenseite heißen fachlich laterale Ellenbogen-Tendinopathie, umgangssprachlich Tennisarm [1].


Für Betroffene ist das mehr als Wortklauberei. Wer eine Entzündung vermutet, erwartet Kühlung und Schonung. Wer einen Umbauprozess vor sich hat, braucht dosierte Belastung und Geduld.

Wie eine Tendinopathie entsteht

Am Anfang steht fast immer ein Missverhältnis zwischen Belastung und Belastbarkeit. Das kann eine ungewohnte Tätigkeit sein — Streichen über Kopf, ein neuer Sport, ein Umzug — oder eine gewohnte Tätigkeit bei nachlassender Belastbarkeit.


Sehnengewebe ist zellarm und schlecht durchblutet, was Reparaturvorgänge grundsätzlich verlangsamt [2]. Übersteigt der Schaden die Reparaturleistung wiederholt, lagert sich neues, weniger geordnetes Gewebe an. Die Sehne wird dicker, aber nicht belastbarer.


Mit dem Alter verschiebt sich dieses Verhältnis zusätzlich. Wie sich Sehnengewebe über die Jahre verändert, beschreibt der Beitrag Sehnen und Bänder im Alter.

Welche Faktoren das Risiko erhöhen

  • Ungewohnte oder plötzlich gesteigerte Belastung. Der mit Abstand häufigste Auslöser — eine Tätigkeit, auf die die Sehne nicht vorbereitet war.
  • Nachlassende Belastbarkeit. Nach längeren Pausen, Krankheit oder Operation liegt sie unter dem gewohnten Niveau, das Selbstbild aber nicht.
  • Diabetes mellitus. Menschen mit Diabetes entwickeln deutlich häufiger eine Tendinopathie als Menschen ohne, und ihre Sehnen sind im Mittel dicker [4]. Es handelt sich um Beobachtungsdaten — sie zeigen einen Zusammenhang, beweisen aber keine Ursache.
  • Alter. Mit den Jahren verlangsamen sich Umbau- und Reparaturvorgänge im Sehnengewebe [2].

Wie behandelt wird

Am besten untersucht ist die Achillessehne. Nach drei Monaten war dort jede aktive Behandlungsform dem bloßen Abwarten überlegen [3]. Nach zwölf Monaten unterschieden sich die aktiven Behandlungen untereinander nicht bedeutsam [3].


Empfohlen wird deshalb Trainingstherapie als Startpunkt — sie ist zugänglich, kostengünstig und risikoarm [3].


Die praktische Konsequenz: Nichtstun ist die schlechteste Option. Die Frage ist weniger, welches Verfahren gewählt wird, sondern ob überhaupt aktiv behandelt wird. Wie sich Belastung im Alltag dosieren lässt, steht im Beitrag Sehnen richtig belasten.

Wann Sie ärztlichen Rat einholen sollten

Umgehend abklären lassen, wenn:

  • ein plötzlicher, oft hörbarer Schmerz auftrat und die Sehne sich seither nicht mehr anspannen lässt
  • Sie nicht mehr auf dem Fußballen stehen oder den Arm nicht mehr aktiv heben können
  • die Region stark geschwollen, gerötet und überwärmt ist oder Fieber hinzukommt

Zeitnah einen Termin vereinbaren, wenn:

  • die Beschwerden länger als etwa sechs Wochen anhalten oder zunehmen
  • der Schmerz Sie nachts weckt
  • Sie eine Kraftminderung bemerken, die im Alltag stört
  • Sie Diabetes haben und neue Sehnenbeschwerden auftreten
  • Sie unsicher sind, wie stark Sie die Sehne belasten dürfen

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Tendinitis, Tendinose und Tendinopathie?

Tendinitis bezeichnet eine entzündliche Sehnenreaktion, Tendinose einen degenerativen Umbau ohne führende Entzündung. Weil sich beides klinisch kaum unterscheiden lässt und im Gewebe meist Umbauvorgänge überwiegen, hat sich der Oberbegriff Tendinopathie durchgesetzt [1].

Wie lange dauert eine Tendinopathie?

Rechnen Sie in Monaten. Sehnengewebe ist zellarm und schlecht durchblutet, was Reparaturvorgänge verlangsamt [2]. Ein Ausbleiben schneller Besserung ist deshalb kein Zeichen dafür, dass die Behandlung falsch ist.

Soll ich die betroffene Sehne schonen?

Vollständige Schonung ist meist nicht die Lösung — aktive Behandlung war dem Abwarten überlegen [3]. Sinnvoll ist, die schmerzauslösende Spitzenbelastung vorübergehend zu reduzieren und gleichzeitig eine dosierte, angeleitete Belastung aufzubauen.

Warum wird die Sehne dicker, wenn sie doch beschädigt ist?

Weil bei wiederholter Überlastung neues, weniger geordnetes Gewebe angelagert wird [2]. Mehr Volumen bedeutet dabei nicht mehr Belastbarkeit — deshalb sagt die Dicke der Sehne wenig über ihre Funktion aus.

Kann Ernährung eine Tendinopathie beeinflussen?

Eine bestimmte Ernährungsform mit belegtem Nutzen bei Tendinopathie gibt es nicht. Belegt ist der Zusammenhang zwischen Diabetes und Tendinopathie [4] — ein stabiler Blutzucker ist damit indirekt relevant. Mehr zum Bindegewebe und seinen Altersveränderungen finden Sie im Beitrag Bindegewebe im Alter.

 
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Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise. Die angegebene empfohlene tägliche Verzehrmenge darf nicht überschritten werden.

 

Quellen

[1] Scott A, Squier K, Alfredson H, et al. ICON 2019: International Scientific Tendinopathy Symposium Consensus: Clinical Terminology. British Journal of Sports Medicine. 2020;54(5):260–262. PMID: 31399426. DOI: 10.1136/bjsports-2019-100885


[2] Kwan KYC, Ng KWK, Rao Y, et al. Effect of Aging on Tendon Biology, Biomechanics and Implications for Treatment Approaches. International Journal of Molecular Sciences. 2023;24(20):15183. PMID: 37894875. DOI: 10.3390/ijms242015183


[3] van der Vlist AC, Winters M, Weir A, et al. Which treatment is most effective for patients with Achilles tendinopathy? British Journal of Sports Medicine. 2021;55(5):249–256. PMID: 32522732. DOI: 10.1136/bjsports-2019-101872


[4] Ranger TA, Wong AMY, Cook JL, Gaida JE. Is there an association between tendinopathy and diabetes mellitus? British Journal of Sports Medicine. 2016;50(16):982–989. DOI: 10.1136/bjsports-2015-094735

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt weder eine ärztliche Diagnose noch eine Behandlung. Wenden Sie sich bei Beschwerden an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.

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