Gelenkschmerzen im Alter: Ursachen, Formen und was hilft
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Gelenkschmerzen im Alter sind kein einheitliches Krankheitsbild, sondern ein Symptom mit sehr unterschiedlichen Ursachen — vom Gelenkverschleiß über entzündliche Gelenkerkrankungen bis zu Beschwerden, die von Sehnen, Muskeln oder der Wirbelsäule ausgehen. Am häufigsten steckt eine Arthrose dahinter: In der Altersgruppe ab 65 Jahren berichteten 48,1 % der Frauen und 31,2 % der Männer, in den letzten zwölf Monaten eine Arthrose gehabt zu haben [1]. Entscheidend für die Behandlung ist, welche Ursache vorliegt — denn davon hängt ab, was hilft.
Das Wichtigste in Kürze
- Häufigkeit: In der Altersgruppe ab 65 Jahren berichteten 48,1 % der Frauen und 31,2 % der Männer eine Arthrose innerhalb der letzten zwölf Monate [1].
- Typische Ursachen: Gelenkverschleiß, entzündliche Gelenkerkrankungen, Beschwerden von Sehnen und Sehnenansätzen sowie Schmerzen, die von der Wirbelsäule ausstrahlen.
- Erstes Unterscheidungsmerkmal: Eine Arthrose gilt bei Menschen ab 45 Jahren mit belastungsabhängigem Gelenkschmerz als klinisch diagnostizierbar, wenn keine oder eine höchstens 30 Minuten anhaltende Morgensteifigkeit besteht [3].
- Was hilft: Frühzeitiges regelmäßiges Kräftigungs- und Beweglichkeitstraining nach Anleitung sowie bei Übergewicht eine Gewichtsreduktion [2].
- Wann zum Arzt: Ein plötzlich stark geschwollenes, überwärmtes Gelenk mit Fieber gehört sofort ärztlich untersucht.
Warum Gelenke im höheren Alter häufiger schmerzen
Ein Gelenk ist eine bewegliche Verbindung zwischen zwei Knochen. Die Knochenenden sind mit Knorpel überzogen, einer glatten, druckelastischen Schicht ohne eigene Blutgefäße. Der Knorpel verteilt Belastung und sorgt dafür, dass die Flächen reibungsarm aufeinandergleiten. Ernährt wird er über die Gelenkflüssigkeit — und zwar durch Bewegung, die ihn abwechselnd zusammendrückt und entlastet.
Mit den Jahren verändert sich dieses System. Der Knorpel verliert Wassergehalt und Elastizität, die Muskulatur rund um das Gelenk nimmt ab, Sehnen und Bänder werden weniger dehnbar. Jede dieser Veränderungen für sich bleibt lange unbemerkt. Zusammen führen sie dazu, dass das Gelenk weniger Reserve hat und auf Belastungen empfindlicher reagiert.
Hinzu kommt ein zweiter Punkt, der im Alter oft übersehen wird: Schmerzen in einem Gelenk müssen ihren Ursprung nicht im Gelenk selbst haben. Beschwerden an Sehnenansätzen, verkürzte Muskeln oder ausstrahlende Schmerzen aus der Wirbelsäule fühlen sich für Betroffene häufig wie Gelenkschmerzen an.
Die häufigsten Ursachen im Überblick
Gelenkschmerzen im höheren Lebensalter lassen sich vier großen Gruppen zuordnen. Die Unterscheidung ist keine akademische Übung — sie bestimmt, welche Behandlung überhaupt infrage kommt.
Gelenkverschleiß (Arthrose). Belastungsabhängiger Schmerz mit Anlaufschmerz nach Ruhe. Der Verlauf zieht sich über Jahre und hat bessere und schlechtere Phasen. Typisch betroffen sind Knie, Hüfte, Finger und das Daumensattelgelenk.
Entzündliche Gelenkerkrankung. Ruhe- und Nachtschmerz, Schwellung und ausgeprägte Morgensteifigkeit. Die Beschwerden nehmen oft über Wochen zu und betreffen häufig mehrere Gelenke gleichzeitig — etwa bei rheumatoider Arthritis oder Polymyalgia rheumatica.
Kristallbedingte Gelenkentzündung. Plötzlich einsetzender, sehr heftiger Schmerz mit Rötung und Schwellung. Die Attacken dauern Tage, dazwischen besteht Beschwerdefreiheit. Beispiele sind Gicht und Pseudogicht.
Beschwerden von Sehnen, Schleimbeuteln oder Wirbelsäule. Schmerz bei bestimmten Bewegungen, oft auf einen Punkt begrenzt und wechselhaft im Verlauf. Dazu zählen Sehnenansatzreizungen, Schleimbeutelentzündungen und ausstrahlender Rückenschmerz.
Die häufigste dieser Gruppen ist der Gelenkverschleiß. Wie eine Arthrose entsteht, welche Gelenke betroffen sind und was den Verlauf beeinflusst, lesen Sie ausführlich im Beitrag Arthrose. Beschwerden, die vom unteren Rücken ausgehen und in Gesäß oder Bein ziehen, behandeln wir gesondert im Beitrag Rückenschmerzen im unteren Rücken.
Wie sich verschleißbedingte von entzündlichen Beschwerden unterscheiden
Für die erste Einordnung sind drei Beobachtungen besonders aussagekräftig: der Zeitpunkt der Beschwerden, ihre Dauer am Morgen und ihr Verhalten unter Belastung.
Verschleißbedingte Beschwerden nehmen typischerweise unter Belastung zu und lassen in Ruhe nach. Nach längerem Sitzen oder morgens braucht das Gelenk einige Minuten, bis es wieder gut läuft — dieser Anlaufschmerz ist ein charakteristisches Merkmal. Zur klinischen Arthrosediagnose gehört ausdrücklich, dass entweder keine oder eine höchstens 30 Minuten anhaltende Morgensteifigkeit besteht [3].
Entzündliche Beschwerden verhalten sich anders herum: Sie sind morgens und in Ruhe am stärksten, wecken Betroffene teils nachts und bessern sich, wenn das Gelenk in Bewegung kommt. Die Steifigkeit am Morgen dauert deutlich länger. Welche Zeitangaben in welchen Kriterienkatalogen stehen und was sie bedeuten, ordnet der Beitrag Steife Gelenke am Morgen ein.
Die Unterscheidung zwischen verschleißbedingten und entzündlichen Beschwerden ersetzt keine Diagnose. Sie hilft aber dabei, die eigenen Beobachtungen so zu schildern, dass die Praxis damit arbeiten kann.
Wie Gelenkschmerzen ärztlich eingeordnet werden
Am Anfang steht das Gespräch: Welche Gelenke sind betroffen, seit wann, wie fühlt sich der Schmerz an, wann ist er am stärksten, gibt es Schwellungen, gibt es Allgemeinsymptome wie Fieber oder Gewichtsverlust? Diese Angaben grenzen die Möglichkeiten stärker ein als jede Bildgebung.
Es folgt die körperliche Untersuchung: Beweglichkeit, Druckschmerz, Schwellung, Überwärmung, Gangbild und die Prüfung benachbarter Gelenke. Ein Röntgenbild wird nicht regelhaft angefertigt. Bei Menschen ab 45 Jahren mit belastungsabhängigem Gelenkschmerz und höchstens 30 Minuten Morgensteifigkeit ist eine klinische Diagnose ohne Bildgebung ausdrücklich möglich [3].
Blutuntersuchungen sind vor allem dann sinnvoll, wenn eine entzündliche oder kristallbedingte Ursache im Raum steht. Eine Gelenkpunktion kommt infrage, wenn ein Gelenk deutlich geschwollen ist und die Ursache unklar bleibt.
Was bei Gelenkschmerzen im Alter hilft
Was hilft, hängt von der Ursache ab. Für den häufigsten Fall — den Gelenkverschleiß — stehen zwei Bausteine an prominenter Stelle.
Bewegung und Training. Empfohlen wird, frühzeitig ein regelmäßiges Kräftigungs- und Beweglichkeitstraining nach Anleitung durchzuführen und erlernte Übungen anschließend eigenständig fortzuführen [2]. Studien zur Bewegungstherapie bei Kniearthrose zeigen Verbesserungen bei Schmerz und Funktion, ordnen deren Größenordnung aber selbst zurückhaltend ein [4] — Bewegung wirkt über Wochen und in moderatem Ausmaß.
Gewicht. Bei Übergewicht und Adipositas wird eine Gewichtsreduktion empfohlen, begleitet von praktischen Hinweisen zur Durchführung [2].
Belastung anpassen statt vermeiden. Gelenke brauchen Bewegung, um versorgt zu werden. Wer aus Sorge vor Schmerzen dauerhaft schont, verliert Muskulatur — und das Gelenk wird schlechter geführt. Wie sich Bewegung dosieren lässt, ohne zu überlasten, steht im Beitrag Bewegung bei Gelenkbeschwerden.
Wann Sie ärztlichen Rat einholen sollten
Umgehend ärztlich vorstellen, wenn eines dieser Zeichen auftritt:
- ein Gelenk ist plötzlich stark geschwollen, gerötet und überwärmt, besonders zusammen mit Fieber oder Schüttelfrost
- ein Gelenk lässt sich nach einem Sturz nicht mehr belasten oder steht sichtbar fehl
- zu den Gelenkbeschwerden kommen Gewichtsverlust, Nachtschweiß oder anhaltende Abgeschlagenheit
- neu aufgetretene Kraftlosigkeit, Taubheitsgefühle oder Lähmungserscheinungen
- neu aufgetretene Sehstörungen oder Kopfschmerzen zusammen mit Schmerzen im Schulter- und Beckengürtel
Zeitnah ärztlich abklären lassen, wenn:
- die Morgensteifigkeit regelmäßig deutlich länger als eine halbe Stunde anhält
- mehrere Gelenke gleichzeitig oder symmetrisch betroffen sind
- die Beschwerden über mehr als sechs Wochen bestehen oder zunehmen
- Sie nachts wegen der Schmerzen aufwachen
- Sie deswegen anfangen, Wege oder Treppen zu meiden
Häufige Fragen
Sind Gelenkschmerzen im Alter normal?
Häufig ist nicht dasselbe wie normal. Gelenkbeschwerden nehmen mit dem Lebensalter zu, weil Knorpel, Muskulatur und Bandapparat sich verändern. Abgeklärt gehören sie trotzdem, denn die Ursachen unterscheiden sich stark und einige davon sind gut behandelbar.
Welcher Arzt ist bei Gelenkschmerzen zuständig?
Erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis. Sie ordnet die Beschwerden ein und überweist bei Bedarf weiter — bei Verdacht auf eine entzündliche Gelenkerkrankung in die Rheumatologie, bei mechanischen Problemen und der Frage nach einem Gelenkersatz in die Orthopädie.
Schadet Bewegung einem verschlissenen Gelenk?
Nein. Empfohlen wird ausdrücklich frühzeitiges regelmäßiges Kräftigungs- und Beweglichkeitstraining nach Anleitung [2]. Wichtig ist die Dosierung: regelmäßig, in angemessener Intensität und ohne Schmerzspitzen.
Warum tut mal das eine, mal das andere Gelenk weh?
Wandernde Beschwerden können mehrere Gründe haben — von wechselnder Belastung über Schonhaltungen bis zu entzündlichen Erkrankungen, die mehrere Gelenke erfassen. Wenn die Beschwerden wandern und länger als sechs Wochen bestehen, lassen Sie das ärztlich einordnen.
Hilft Wärme oder Kälte besser?
Beides kann helfen, je nach Situation. Wärme wird eher bei steifen, nicht entzündeten Gelenken als angenehm empfunden, Kälte eher bei geschwollenen, überwärmten Gelenken. Es gibt hier kein Richtig für alle — probieren Sie aus, was Ihnen guttut, und wenden Sie Kälte nie direkt auf der Haut an.
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Quellen
[1] Fuchs J, Kuhnert R, Scheidt-Nave C. 12-Monats-Prävalenz von Arthrose in Deutschland. Journal of Health Monitoring. 2017;2(3):55–60. DOI: 10.17886/RKI-GBE-2017-054. https://edoc.rki.de/handle/176904/2784
[2] Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU): S3-Leitlinie „Prävention und Therapie der Gonarthrose (Living Guideline)". AWMF-Register-Nr. 187-050, Version 5.0, Stand 15.07.2024, nächste Überprüfung geplant bis 11.07.2029. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/187-050
[3] National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Osteoarthritis in over 16s: diagnosis and management. NICE guideline NG226, 19.10.2022. https://www.nice.org.uk/guidance/ng226
[4] Lawford BJ, Hall M, Hinman RS, et al. Exercise for osteoarthritis of the knee. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2024;12:CD004376. PMID: 39625083. DOI: 10.1002/14651858.CD004376.pub4
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt weder eine ärztliche Diagnose noch eine Behandlung. Wenden Sie sich bei Beschwerden an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.