Rückenschmerzen im unteren Rücken: Ursachen und Einordnung
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Rückenschmerzen im unteren Rücken haben in den meisten Fällen keine einzelne fassbare Ursache — Fachleute sprechen dann von nicht-spezifischem Kreuzschmerz. Rückenschmerzen sind dabei außerordentlich verbreitet: In der Krankheitslast-Studie BURDEN 2020 gaben 61,3 % der Befragten an, in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal Rückenschmerzen gehabt zu haben [2]. Wichtig ist weniger die Suche nach dem einen Auslöser als die Frage, ob Warnzeichen vorliegen.
Das Wichtigste in Kürze
- Häufigkeit: 61,3 % der Befragten berichteten Rückenschmerzen in den letzten zwölf Monaten, 15,5 % chronische Rückenschmerzen [2].
- Häufigste Einordnung: Nicht-spezifischer Kreuzschmerz — es lässt sich keine eindeutige, behandlungsbedürftige Ursache feststellen.
- Was Bilder zeigen: Degenerative Veränderungen der Wirbelsäule sind auch bei Beschwerdefreien sehr häufig; eine Bandscheibendegeneration fand sich bei 37 % der 20-Jährigen und 96 % der 80-Jährigen ohne Beschwerden [3].
- Was hilft: Keine Bettruhe, sondern körperliche Aktivität soweit wie möglich beibehalten [1].
- Wann zum Arzt: Blasen- oder Mastdarmstörungen, Gefühlsstörungen im Reitsitzbereich, zunehmende Lähmungen oder starker nächtlicher Schmerz gehören sofort abgeklärt [1].
Warum Rückenschmerzen im unteren Rücken so häufig sind
An Kreuzschmerzen sind in der Regel mehrere Strukturen gleichzeitig beteiligt: Muskulatur, kleine Wirbelgelenke, Bandscheiben, Bänder und die Steuerung durch das Nervensystem. Der Lendenbereich trägt dabei das Gewicht des Oberkörpers und muss zugleich beweglich bleiben. Fünf Lendenwirbel, die dazwischenliegenden Bandscheiben, die kleinen Wirbelgelenke auf der Rückseite und eine tiefe Schicht kurzer Muskeln arbeiten dabei zusammen. Diese Kombination aus Last und Beweglichkeit macht den Bereich anfällig.
Mit den Jahren verändern sich diese Strukturen: Die Bandscheiben verlieren Wassergehalt und Höhe, die kleinen Wirbelgelenke tragen dadurch mehr Last, Bänder werden derber, die tiefe Rumpfmuskulatur nimmt ab. Diese Veränderungen sind Teil des normalen Alterns und für sich genommen keine Krankheit.
Häufig kommt ein zweiter Faktor hinzu: eine ungewohnte Belastung, eine längere Zwangshaltung oder eine Phase mit wenig Bewegung. Der Schmerz entsteht dann nicht durch einen einzelnen Schaden, sondern aus dem Zusammenspiel von veränderter Struktur, verminderter muskulärer Führung und aktueller Belastung.
Was „nicht-spezifischer Kreuzschmerz" bedeutet
Der Begriff beschreibt Rückenschmerzen, bei denen sich keine eindeutige, spezifische Ursache wie ein Bruch, eine Entzündung, ein Tumor oder eine behandlungsbedürftige Nervenwurzelreizung feststellen lässt. Das ist keine Verlegenheitsdiagnose, sondern die häufigste Konstellation.
Praktisch bedeutet die Einordnung zweierlei. Erstens: Die Behandlung richtet sich nicht gegen eine bestimmte Struktur, sondern auf Beweglichkeit, Belastbarkeit und Schmerzbewältigung. Zweitens: Eine aufwendige Diagnostik bringt in dieser Situation keinen Nutzen. Bei akuten und wiederkehrenden Kreuzschmerzen ohne Hinweis auf gefährliche Verläufe soll keine bildgebende Diagnostik durchgeführt werden; erst bei anhaltenden oder zunehmenden Beschwerden nach vier bis sechs Wochen wird die Indikation dafür überprüft [1].
Ein Hinweis zur Quellenlage: Die zugrunde liegende Nationale VersorgungsLeitlinie ist seit spätestens Ende März 2022 nicht mehr gültig und wird derzeit überarbeitet — eine veröffentlichte Nachfolgefassung liegt noch nicht vor.
Welche Rolle Verschleißbefunde im Bild spielen
Wer ein Röntgenbild oder eine Kernspintomografie erhält, findet dort im höheren Alter fast immer Auffälligkeiten. Eine systematische Übersichtsarbeit wertete Bildbefunde von Menschen ohne Rückenbeschwerden aus: Eine Bandscheibendegeneration fand sich bei 37 % der 20-Jährigen und bei 96 % der 80-Jährigen, eine Bandscheibenvorwölbung bei 30 % der 20-Jährigen und bei 84 % der 80-Jährigen [3]. Die Autorinnen und Autoren schließen daraus, dass viele dieser Befunde Teil des normalen Alterns sein dürften.
Für Betroffene ist das eine wichtige Information: Ein Befund im Bild erklärt den Schmerz nicht automatisch. Er ist ein Puzzleteil, das zusammen mit der Schilderung der Beschwerden und der körperlichen Untersuchung bewertet wird. Auch bei Gelenken erklärt ein Bildbefund die Beschwerden nicht automatisch — mehr dazu im Beitrag Arthrose.
Was bei Kreuzschmerzen hilft
Bettruhe wird zur Behandlung nicht-spezifischer Kreuzschmerzen ausdrücklich nicht empfohlen; Betroffene sollen aufgefordert werden, körperliche Aktivitäten soweit wie möglich beizubehalten [1]. Für chronische Beschwerden gilt Bewegungstherapie als primäre Behandlung [1].
Ein Cochrane-Review aus dem Jahr 2021 wertete Bewegungstherapie bei chronischem Kreuzschmerz aus und fand gegenüber keiner Behandlung eine Verringerung des Schmerzes, die die Autorinnen und Autoren als klinisch bedeutsam einstuften; bei den funktionellen Einschränkungen erreichte der Unterschied die vorab festgelegte Schwelle klinischer Relevanz dagegen nicht [4].
Bei nicht-spezifischem Kreuzschmerz heißt das praktisch: in Bewegung bleiben, Alltagsaktivitäten so weit wie möglich fortführen, Belastungen dosieren statt sie zu vermeiden. Wie sich das umsetzen lässt, steht im Beitrag Bewegung bei Gelenkbeschwerden.
Wann Sie ärztlichen Rat einholen sollten
Sofort ärztliche Hilfe suchen, wenn zum Rückenschmerz eines dieser Zeichen kommt [1]:
- Störung von Blasen- oder Mastdarmfunktion, etwa Harnverhalt oder Inkontinenz
- Gefühlsstörung im Bereich von Damm und Gesäß
- ausgeprägte oder zunehmende Schwäche bis zum Funktionsverlust in einem Bein
- Rückenschmerz nach einem Sturz oder Unfall, auch nach einem leichten Sturz bei bekannter oder möglicher Osteoporose
Zeitnah ärztlich abklären lassen, wenn [1]:
- Fieber, Schüttelfrost oder eine kürzlich durchgemachte bakterielle Infektion hinzukommen
- ungewollter Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit oder rasche Ermüdbarkeit bestehen
- der Schmerz in Rückenlage zunimmt oder nachts besonders stark ist
- der Schmerz in ein oder beide Beine ausstrahlt, mit Taubheit oder Kribbeln
- eine Tumorerkrankung in der Vorgeschichte besteht
Häufige Fragen
Soll ich mich bei akuten Rückenschmerzen schonen?
Bettruhe wird ausdrücklich nicht empfohlen; stattdessen sollen Betroffene körperliche Aktivitäten soweit wie möglich beibehalten [1]. Schmerzbedingte Pausen sind in Ordnung — mehrtägiges Liegen ist es nicht.
Was bedeutet ein Bandscheibenvorfall im Befund, wenn ich kaum Beschwerden habe?
Bildbefunde und Beschwerden decken sich nicht zwangsläufig. In einer Auswertung bei beschwerdefreien Personen fand sich eine Bandscheibenvorwölbung bei 84 % der 80-Jährigen [3]. Maßgeblich ist, ob der Befund zu Ihren Symptomen und zur körperlichen Untersuchung passt.
Kommen Rückenschmerzen im Alter von der Arthrose?
Auch die kleinen Wirbelgelenke können arthrotisch verändert sein. Ob sie die Beschwerden erklären, lässt sich aus dem Bild allein nicht ableiten. Eine Einordnung der verschiedenen Ursachen finden Sie im Beitrag Gelenkschmerzen im Alter.
Wie lange dauern akute Kreuzschmerzen üblicherweise?
Viele akute Episoden bessern sich innerhalb einiger Wochen deutlich. Halten die Beschwerden länger als sechs Wochen an oder nehmen sie zu, gehört die Situation ärztlich neu bewertet.
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Quellen
[1] Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): Nationale VersorgungsLeitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz — Langfassung, 2. Auflage, Version 1. 2017. AWMF-Register-Nr. nvl-007. DOI: 10.6101/AZQ/000353. Gültigkeit abgelaufen (spätestens Ende März 2022), Überarbeitung läuft. https://www.nvl-programm.de/themen/kreuzschmerz
[2] von der Lippe E, Krause L, Porst M, et al. Prävalenz von Rücken- und Nackenschmerzen in Deutschland. Ergebnisse der Krankheitslast-Studie BURDEN 2020. Journal of Health Monitoring. 2021;6(S3):2–14. DOI: 10.25646/7854. https://edoc.rki.de/handle/176904/7893
[3] Brinjikji W, Luetmer PH, Comstock B, et al. Systematic Literature Review of Imaging Features of Spinal Degeneration in Asymptomatic Populations. American Journal of Neuroradiology. 2015;36(4):811–816. PMID: 25430861. DOI: 10.3174/ajnr.A4173
[4] Hayden JA, Ellis J, Ogilvie R, Malmivaara A, van Tulder MW. Exercise therapy for chronic low back pain. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2021;9:CD009790. PMID: 34580864. DOI: 10.1002/14651858.CD009790.pub2
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt weder eine ärztliche Diagnose noch eine Behandlung. Wenden Sie sich bei Beschwerden an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.